Krypta am Westerende


Die Krypta auf dem reformierten Friedhof Leer Westerende ist einer der ältesten Sakralbauten in Ostfriesland. Sie ist das letzte Zeugnis einer im weiten Umkreis einmaligen romanischen Backsteinkirche aus der Zeit um 1200 und ein Baudenkmal von nationalem Rang.

Dort, wo sich noch heute der alte reformierte Friedhof Westerende mit der Krypta befindet, errichtete der Missionar Liudger um das Jahr 790 die erste christliche Kapelle in Ostfriesland. Archäologische Funde lassen auf zwei weitere Holzkirchen aus dem 10. und dem 12. Jh. nördlich der Krypta schließen. Ende des 12. Jahrhunderts entstand hier eine der ersten Backsteinkirchen in Ostfriesland: die Liudgerikirche als Probsteikirche für das Moormerland, die dem heiligen Liudger gewidmet war. Sie wurde als Saalkirche mit einer Unterkirche und zwei Absiden als Ostabschluss errichtet. Zu der Kirche gehörte ein massiver, alleinstehender Kirchturm, der lange auch als städtische Waage genutzt wurde. Im späten 15. Jahrhundert erhielt das Gebäude im Osten einen gotischen Chor, dessen Giebel die Saalkirche überragte. Die Absiden der Unterkirche blieben erhalten.

Vom Sakralraum zum Grabkeller

Liudgerikirche am Westerende; Ausschnitt aus einer Karte von Leer aus dem Jahr 1645. Quelle: Groninger Staatsarchiv

Nach der Reformation im ersten Quartal des 16. Jahrhunderts hatte die Unterkirche ihre ursprüngliche religiöse Funktion als Ort der Heiligenverehrung verloren. Sie wurde bis weit in das 19. Jahrhundert zur Grablege für die Pastoren der Gemeinde und für wohlhabende Leeraner Familien genutzt.

Grabplatten aus dem 16. Jahrhundert sind aufrecht an der Ostfassade angebracht.

Als in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Kirche St. Liudger wegen schwerer Bauschäden einzustürzen drohte, entschied sich die reformierte Gemeinde für einen Neubau im Ortszentrum. Die alte Kirche wurde auf Abriss verkauft. Erhalten blieben nur der östliche und mittlere Teil der Krypta mit den Grabkammern als Teil des Kirchhofs am Westerende.

Krypta während der Ausgrabungen in den 50er Jahren; Foto: Gezi Wetzig

Ende April 1945 beschädigte ein Bombentreffer das Dach der Krypta. Die entstandenen Risse in der Decke machten eine umfassende Sanierung des Gebäudes notwendig. Die Reparatur erfolgte in den 1950er Jahren mittels einer ergänzenden Betondecke. Zudem wurden die Grabkammern in der Krypta entfernt und die aufgefundenen menschlichen Überreste in angemessener Weise auf dem Kirchhof bestattet. So entstand die Krypta nach umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen wieder in ihrer ursprünglichen Form mit zwei Schiffen und zwei Absiden. Ein mittelalterliches Relikt, das es so in Nordwestdeutschland kein zweites Mal gibt.

Mahnmal gegen das Vergessen

Ende 1954 beschloss der Rat der Stadt Leer die Krypta „für immer“ zu einem Gedenkort für die Gefallenen des Ersten und des Zweiten Weltkriegs zu gestalten. Nach umfangreichen bauhistorischen und archäologischen Untersuchungen erfolgte in den Jahren 1957 und 1958 die Sanierung und Einrichtung der Gedenkstätte unter der Leitung von Regierungsbaudirektor Dietrich Müller-Stüler. Er markierte den Eingang zur Krypta mit einer Turmhalle.

Die Stadt Leer pachtete die Krypta für 60 Jahre als zentralen Gedenkort für die Opfer der Kriege. Schon bei der offiziellen Einweihung der Gedenkstätte im November 1958 gedachte man ausdrücklich auch der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. In einem Gedenkbuch, das seit 1963 bis zum Auslaufen des Pachtvertrages in der Krypta auslag, wurden die Namen aller Opfer des Zweiten Weltkriegs und des Naziterrors notiert. Täglich wurde eine Seite in dem Gedenkbuch umgeschlagen.

Turmhalle als Eingang zur Krypta, in den 50er Jahren nach einem Entwurf von Dietrich Müller-Stüler errichtet.

Links und weitere Informationen zur Krypta

  • Krypta der ehemaligen Kirche St. Liudger, Wikipedia
  • Einem der ältesten Sakralbauten Ostfrieslands droht der Verfall… Die Krypta und der reformierte Kirchhof Westerende in Leer (Gastbeitrag von Heiko Suhr für Hypotheses)
  • Touristik Leer über die Krypta
  • Rolf Bärenfänger, Die Krypta auf dem reformierten Friedhof in Leer, in: Ostfriesland (Führer zu archäologischen Denkmälern in Deutschland), Stuttgart 1999, S. 189-192.
  • Werner Haarnagel, Bericht von der Grabung in der Krypta von Leer, in: Die Krypta auf dem reformierten Friedhof in Leer, Hildesheim 1959.
  • Hermann Haiduck, Neue Untersuchungen an der Krypta und auf dem reformierten Friedhof in Leer, in: Jahrbuch der Gesellschaft für Bildende Kunst und Vaterländische Altertümer zu Emden, Bd. 67, 1987, S. 11-32.
  • Günther Robra, Die Krypta St. Liudger auf dem alten reformierten Friedhof zu Leer Ostfriesland, Leer [Faltblatt, um 1960].
  • Heiko Suhr, Der reformierte Friedhof in Leer, in: Bartholomeus A. M. Ramakers, Memento Mori. Sterben und Begraben in einem ruralen Grenzgebiet, Groningen 2018, S. 79-105.
  • Rudolf Wesenberg, Baugeschichtliche Untersuchungen an der Krypta auf dem reformierten Friedhof in Leer, in: Die Krypta auf dem reformierten Friedhof in Leer, Hildesheim 1959.
  • Ina Wagner, Wo Ostfriesen Christen wurden, in: Ostfriesland-Magazin 42, 2026, 2, S. 76-82
  • Paul Weßels: „Für alle Zeit ….“ – Die Gefallenengedenkstätte der Stadt Leer in der Krypta auf dem Kirchhof Westerende, in: Emder Jahrbuch für historische Landeskunde Ostfrieslands Band 101 (2021), Seiten 179 ff